Der lange Weg zur Sekundarschule
In der direkten Nachkriegszeit von 1945 bis 1949
bestimmten die Alliierten die Bildungspolitik in der Bundesrepublik
Deutschland. Reformen blieben dabei aber aus, die Deutschen wollten sich von
ihrem dreigliedrigen Bildungssystem nicht trennen. Dieses geht in ihren
Grundzügen auf die preußischen Bildungsreformen (in den 30er Jahren des 19.
Jh.s) zurück. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland bestätigte 1949 die Bildungshoheit, die „Kulturhoheit
der Länder“, wie schon in der Weimarer Republik. Auch die Schularten
und Schuldauer wurden wieder eingeführt: acht Jahre Volksschule, neun Jahre
Gymnasium. Schon im Düsseldorfer Abkommen 1955 war der Versuch erkennbar, das
regional noch sehr unterschiedliche Schulsystem einheitlicher zu gestalten und
langsam auszubauen. Doch erst im Hamburger Abkommen 1964 gelang ein gemeinsamer
Rahmen und die Einführung der Hauptschule. Zuvor, 1957, hat der so genannte
Sputnik-Schock das westliche Bildungssystem in Frage gestellt. Mehr und besser
qualifizierte Absolventen wurden gefordert. 1964 sprach Georg Picht in
Deutschland von der Bildungskatastrophe und meinte damit ein Defizit in
inhaltlicher und sozialer Bildung. Ralf Dahrendorf forderte mehr Erziehung zu
Demokratie. Es entwickelte sich eine ausgiebige Bildungsreform-Diskussion. Es
wurde ein Deutscher Bildungsrat gebildet, der zu Beginn der siebziger Jahre den
Strukturplan für das deutsche Bildungs- und Erziehungswesen erstellte. 1973
legte die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung
einen Bildungsgesamtplan vor. Doch an der im Strukturplan favorisierten
Gesamtschule entstand bis zum heutigen Tag ein parteipolitischer Streit, der
die notwendigen Reformbemühungen großenteils ausbremste.
War zur Zeit der sozial-liberalen Koalition die FPD der Walter Scheel, Ralf Dahrendorf und Karl-Hermann Flach noch Motor der Bildungsreformen, so sind die heutigen Wirtschaftsliberalen weit davon entfernt, in NRW haben sie sich gar aus der Bildungsdiskussion ausgeklinkt. Zusammen mit der CDU/CSU verteufeln sie Reformmodelle wie Gesamtschule und ähnliche als (sozialistische) Einheitsschule und beharrten bis jetzt auf dem dreigegliederten Schulsystem, das in internationalen Vergleichsstudien unterdurchschnittlich abschneidet und vorwiegend soziale Auslese begründet.
In Werl war man davon überzeugt, eine gute Schullandschaft zu haben und nicht darüber nachdenken zu müssen, wie sie sich in Zukunft entwickle.
Im März 2009 schrieb ich in einem Leserbrief: „Als im Schulausschuss im Januar 2008 (!), das Konzept „Lehren und Lernen für die Zukunft“ der Bildungsregion Werl/Arnsberg vorgestellt wurde, fand sich darin die Zielvorstellung, der Erfolg der Qualitätsoffensive werde 2012 an einer Steigerung der Übergangsquoten zur Realschule und zum Gymnasium abzulesen sein. Damals habe ich daraus gefolgert, wenn die Hauptschule in den Zielvorgaben der Bildungsoffensive keine Rolle mehr spiele, müsse man eine Gemeinschaftsschule oder Gesamtschule fordern. Tatsache ist, dass immer weniger Kinder an Hauptschulen angemeldet werden. Tatsache ist, dass die demographische Entwicklung diesen Trend verstärken wird... Es ist nun nicht mehr zu leugnen, dass wir in Werl unsere Schullandschaft überdenken müssen, auch die angespannte Haushaltslage lässt uns keine Alternative... Wir in Werl brauchen eine Bildungsoffensive. Da Bildung Struktur braucht, kommen wir auch um eine Bildungsstrukturdebatte nicht umhin. Wir, das sind in diesem Falle neben der Politik und Verwaltung alle an Bildung Beteiligten. Allen muss bewusst sein, dass ausgetrampelte Pfade zu verlassen sind zugunsten kreativer Problemlösungen. Unsere Zielvorstellung: jedem Kind / jedem Jugendlichen muss ein individueller Bildungsgang ermöglicht werden, alle Bildungsabschlüsse sind vorzuhalten, voneinander lernen heißt, möglichst lange gemeinsam und kooperativ lernen. Dafür sind die Strukturen zu schaffen. Dafür muss Konsens erarbeitet werden, ideologisch-konfrontative Debatten gehen an diesen Zielen vorbei.“
Auf diese meine Ausführungen reagierte zu diesem Zeitpunkt weder Verwaltung noch Politik.
Als aber die Zahlen im Schulentwicklungsplan deutlich machten, dass zunächst die beiden Hauptschulen, später auch die Realschule auf Grund zu geringer Anmeldezahlen nicht mehr zu halten seien, entwickelte sich so etwas wie Alarmstimmung durch alle Parteien. Die SPD setzte durch, externe Beratung in Anspruch zu nehmen und schlug Dr. Ernst Rösner vom Schulentwicklungsinstitut der Uni Dortmund vor. Die mit Dr. Rösner gemeinsam entwickelte dynamische Fortschreibung des Schulentwicklungsplans machte deutlich, dass schnell gehandelt werden musste, sollten in der Schulstadt Werl weiterhin alle Bildungsabschlüsse des allgemeinbildenden Schulwesens im Angebot bleiben. Darüber gab es nach intensiven Diskussionen einen parteiübergreifenden Konsens, es soll der Versuch einer Gemeinschaftsschule beantragt werden. Ein Gremium unter externer fachlicher Leitung entwickelte ein Konzept, die Schulausschussmitglieder informierten sich vor Ort in Bielefeld und Berlin über Laborschule und Gemeinschaftsschule, Schulausschuss und Rat beschlossen den Antrag auf eine Gemeinschaftsschule beim Schulministerium zu stellen. Als der Schulversuch Gemeinschaftsschule vom Oberverwaltungsgericht Münster gestoppt wurde, als die Landtagsfraktionen von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen im historischen Schulkompromiss sich auf die Sekundarschule einigte, wurde ohne große Änderung aus dem Antrag auf eine Gemeinschaftsschule der auf eine Sekundarschule. Das Gemeinschaftsschul-Konzept passte auch auf die Sekundarschule. Zwar gab es auf dem Weg ein paar marginale Irritationen bei der Werler FDP-Fraktion, doch können wir in Werl durchaus stolz darauf sein, dass wir gemeinsam das Kind „Sekundarschule“ entwickelt haben.
Da ich über Jahrzehnte mit integrierten Schulsystemen wie Gesamtschule, Gemeinschaftsschule und Sekundarschule beruflich und politisch befasst bin, stehe ich für Detail-Informationen gern zur Verfügung.
Beppo Lippold
Schulpolitischer Sprecher
der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Werl




